Von
Alpha-Tieren und
Sündenböcken
In einer TV-Dokumentation über Wölfe wurde von deren Rudelhierarchie berichtet. In jedem Wolfsrudel gibt es demnach Alpha-Tiere und Omega-Tiere, die bereits mit entsprechenden Anlagen geboren werden. Aus den Alpha-Tieren geht der spätere Rudelführer hervor, das Omega-Tier ist der Sündenbock im Rudel, der immer die Schläge abbekommt. Logischerweise bemühen sich alle Tiere dazwischen um die Gunst der Alpha-Tiere; mit dem Omega-Wolf will keiner was zu tun haben. Was bei oberflächlicher Betrachtung nicht auffällt: Ohne Omega-Tier bricht jedes Rudel früher oder später auseinander.
Diese Alpha-Omega-Aufteilung findet sich aber auch in unserer Gesellschaft wieder. In den alten Monarchien fiel die Alpha-Rolle ganz „natürlich“ dem Adel zu, heute streiten sich Industrie und - in Vertretung des Volkes - Regierungen um den Spitzenplatz. Die Omega-Rolle fiel seit jeher den Menschen am Rand der Gesellschaft zu. Dass auch unsere moderne Zivilisation das Omega-Tier (oder besser die Omega-Gruppe) braucht, erkennt man daran, dass beim Auftreten von Problemen niemals das Problem selbst im Mittelpunkt steht, sondern stets der an der misslichen Situation vermeintlich Schuldige. Scheinbar erst wenn der Schuldige ausgemacht ist, können wir uns um die Beseitigung des Problems kümmern. Erscheint uns das Problem nicht behebbar, wird die Versuchung für uns immer größer, uns mit der „Beseitigung des Schuldigen“ zu begnügen, was in der Vergangenheit mehr als einmal zu humanitären Katastrophen geführt hat.
Die Aufteilung unserer Gesellschaft in Alpha- und Omega-Tiere hat aber noch weitere Schwachpunkte. Hauptproblem ist, dass sich kein Mensch zum Omega-Tier eignet. Dies findet seinen Beleg in der alten Volksweise „Nach oben buckeln, nach unten treten!“ - Jeder Mensch braucht seinen Bereich, indem er uneingeschränkt anerkannt - eben Alpha-Tier - ist. Gelingt ihm das in der Gesellschaft nicht, wird er daran früher oder später zerbrechen. Abhängig von seiner psychischen Konstitution hat er, an diesem Punkt angelangt, nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder er entzieht sich, indem er sich selbst zerstört oder er legt seine Omega-Rolle mit Gewalt ab. Hat eigentlich schon einmal jemand überprüft, wie viele der Gewalttaten in Familie, Gesellschaft aber auch in der Weltpolitik ursächlich damit zusammenhängen, dass der oder die Gewalttäter zuvor ausweglos in die Rolle des Omega-Tiers gedrängt worden waren? Ich denke, der Anteil würde sich als überwältigend herausstellen.
Und noch ein weiteres Problem: Eine Kette ist immer nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Das bedeutet, dass jede Gesellschaft immer nur so stark sein kann, wie die zuvor von ihr definierten Randgruppen. Die Schwächsten in der Gesellschaft haben die geringsten Handlungsmöglichkeiten, wenn wir von ihnen verlangen sich oder gar die Welt zu ändern, wird sich nichts ändern. Dadurch werden die Probleme nicht nur nicht gelöst, es kommen ständig neue dazu, für die wir uns wieder neue Randgruppen als Sündenböcke suchen müssen. Die Suche nach diesen hat System: Dritte-Welt-Länder - Zuwanderer/Asylanten - Ausländer allgemein (Stichwort: Überfremdung) - Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger - Kranke und Alte - demnächst vielleicht Gewerkschaftsmitglieder (oder vielleicht mal umgekehrt: Unternehmer) oder die „egoistischen, faulen, dummen” Kinder und Jugendlichen. Und welche Gruppe nehmen wir dann?
Fazit: Die vielen Probleme, mit denen wir uns zur Zeit national und international herumschlagen, sind Symptome eines sich auflösenden Gesellschaftsystems, das die Menschen in eine immer kleiner werdene Alpha- und eine immer größer werdende Omega-Gruppe aufteilt. Dabei wird der Geldbeutel immer weniger über die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Gruppe bestimmen. Das schwerpunktmäßige Herumdoktern an einzelnen Problemen wird immer nur vorübergehende Besserung bringen. Die überhand nehmenden unbeachteten Probleme werden kurzfristige Erfolge auf anderen Gebieten immer häufiger und immer schneller wieder zunichte machen. Darum dürfen wir uns nicht mehr darauf beschränken, Probleme einzeln anzugehen. Die größte Reform, die uns bevorsteht ist die Gesellschaftsreform. Die Gesellschaft muss sich emanzipieren, sie muss lernen, ohne Alpha- und Omegatiere auszukommen. Ein erster Schritt wäre, ein erkanntes Probleme ansich zu betrachten, ohne es einem bestimmten Menschen oder einer Gruppe zuzuordnen. Ein weiterer Schritt wäre, die Probleme zu sortieren in solche, die das alte System schwächen und solche, die die Gesellschaft schwächen. Letztere sind die dringenderen. Systeme sind statisch, die Gesellschaft muss den weiteren Weg gehen. Und schließlich müssen wir bei jedem Schritt den wir planen überlegen, ob er uns unserem Ziel näher bringt oder nicht – dafür brauchen wir aber zunächst einmal ein Ziel. Wir müssen entscheiden, wohin sich die Menschheit entwickeln soll. Politische und wirtschaftliche Systeme sind dabei Werkszeuge, die der Erreichung von gesellschaftlichen Zielen dienen. Darum müssen wir auch immer wieder überprüfen, ob sie das noch tun.
Wir müssen unseren weiteren Weg vom Ziel her denken.
Georg Doll