15. September 1898.
Es war das heftigste Gewitter dieses Sommers.
Am späten Nachmittag war der Himmel nachtschwarz geworden und seitdem
war es auch dunkel geblieben. Seit Stunden schüttete es wie zur Sintflut
und Blitze zuckten wie Messer aus Feuer unaufhörlich durch die Nacht
begleitet von krachenden Donnerschlägen. Mit dem letzten Donner öffnete
sich die Wirtshaustür, ein Luftzug lösche die Lichter, so daß
der Raum nun völlig dunkel war. Wo eben noch Leben und Lachen zu Hause
waren, herrschte für einen Moment Totenstille. Alle sahen gebannt
zur Tür. Dort stand regungslos ein stämmiger Mann in einem weiten
Lodenmantel. Der nächste Blitz warf einen flüchtigen Lichtstrahl
auf das kreidebleiche Gesicht. "Komm rein Richard!" beendete Tony Wilson,
der Wirt die Spannung. Unter der Tür stand Richard Miller, der Dorfschmied.
Unsicheren Schrittes schwankte der Schmied zur Theke, wo er mit versteinerte
Mine auf einem Hocker platznahm. "Was ist denn mit dir los," versuchte
Tony ein Gespräch in Gang zu bringen, während er dem Schmied
routinemäßig ein Glas Bier hinstellte. "Du siehst ja aus als
hättest du ein Gespenst gesehen." - "Vielleicht habe ich das auch",
die Stimme Richards zitterte. Ein vielstimmiges Lachen ging durch das Wirtshaus.
"Mach keine Sprüche, Richard. Das Wetter ist schon nervig genug!"
sagte der neben ihm sitzende Paul. Paul Voigt war Bauer und sah im Geiste
bereits seine Ernte davonschwimmen. "Ich spaße nicht, Leute. Was
ich gesehen habe, ließ mir den Schrecken durch sämtliche Glieder
fahren." Die Erregung des Schmieds war echt. "Ein Kerl wie ein Baum, und
hat Angst vor einem Gewitter", murmelte Paul kopfschüttelnd. "Wo ist
dir
dein Gespenst denn begegnet und wie hat es ausgesehen." - "Ich war im Nachbarort
und hatte mir neues Werkzeug besorgt, als ich auf dem Nachhauseweg von
dem Unwetter überrascht wurde. An der Weggabelung beim alten Steinbruch
spürte ich hinter mir plötzlich ein eigenartiges Atmen. Ich drehte
mich um, und da konnte ich ihn stehen sehen, auf der Anhöhe: ein großer
Hund, nein, mehr wie der Schatten eines übermanngroßen Hundes.
Aber die Augen leuchteten rot, wie Höllenglut. Und der Schatten heulte
wie ein ganzes Rudel Wölfe. Dann blitzte und donnerte es und der Schatten
auf dem Steinbruch verschwand und tauchte auf dem Weg wieder auf. Er fauchte
und knurrte und fletschte seine Zähne. Als er auf mich zukam scheute
mein Pferd, warf mich ab und lief davon. Ich bin dann gerannt so schnell
ich nur konnte. Der Hund verfolgte mich bis zum Ortseingang; dort verschwand
er." - "Gib dem lieber kein Bier mehr", witzelte einer der Anwesenden,
"der hat schon genug!" - "Ihr glaubt mir wohl nicht, wie?" Richard geriet
in Rage und stieß dabei das Glas vor sich um. "Ihr - - - Ihr - Ach
denkt doch, was ihr wollt!" Mürrisch stampfte der Schmied zur Tür
und schlug sie wütend hinter sich zu als er das Wirtshaus verließ.
Der Regen draußen hatte etwas nachgelassen. Nach einem kurzen Moment
bedächtigen Schweigens kehrte wieder der Alltag in der Schenke ein.
In der Folgezeit häuften sich Meldungen von einem großen Wolfshund, der am alten Steinbruch herumstreunen und Passanten verfolgen würde, eine Jagt auf ihn blieb aber erfolglos. Schließlich verschwand das Tier wieder und geriet in Vergessenheit bis eines Abends: "Der Bauer! Der Bauer!" John, der Knecht von Bauer Voigt, stürzte zum Wirtshaus herein. "Helft mir! Irgendwas ist mit dem Bauer. Ich habe ihn bewußtlos beim alten Steinbruch gefunden. Er liegt draußen auf dem Heuwagen." Glücklicherweise war Doktor Kingsley anwesend. Er war zwar nur Tierarzt, aber da er der einzige Mediziner im Dorf war, kümmerte er sich auch um die Menschen, wenn Not am Mann war. Er rannte gleich aus der Stube, stieg auf den Wagen und begutachtete Voigt, der langsam wieder zu Bewustsein kam. "Es scheint nichts schlimmes zu sein", beruhigte er die Gäste der Wirtschaft, die alle hinterhergekommen waren, um zu sehen was passiert war. "Seht, er kommt wieder zu sich. Wie geht's dir Paul?" Voigt richtete sich langsam auf. Seine Augen waren starr vor Schrecken. "Waaaah!" Ein Schrei des Entsetzens kam aus seinem Mund. "Beruhige dich, Paul. Du hast wahrscheinlich einen Schock." versuchte Kingsley auf ihn einzuwirken, doch die Worte prallten an Voigt wirkungslos ab. "Himmel! Der schwarze Mann! Wer bist Du? Er kommt auf mich zu! Jetzt ist er über mir! Geh weg! Geh doch weg! Neiiin!" Voigt wurde wieder ohnmächtig. "Wahrscheinlich ein Fieber. Fahr ihn heim. Sag seiner Frau, sie soll ihm kalte Umschläge machen", wies der Doktor den Knecht an, während er vom Wagen abstieg. "Wenn es nicht besser wird, könnt ihr mich jederzeit rufen." - "Hüah!" John trieb die Pferde an, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.
Nach einigen Tagen war das Fieber bei Bauer Voigt wieder gesunken, sein Geist blieb aber verwirrt. Nur noch selten verließ er seinen Hof und wenn er doch einmal wieder das Gasthaus betrat, dann verkündete er düstere Prophezeiungen. In Freeville hatte man sich schnell daran gewöhnt, einen "Geschichtenerzähler" zu haben, und so gab man ihm immer eifrig zu trinken, um seine Phantasie zu beflügeln - bis an jenem Freitagabend, es war der zweite des Monats. Diesesmal rührte er keinen Tropfen an. Seine Augen leuchteten und er blickte starr in die Menge. "Er ist wieder da!" flüsterte er unheimlich. "Und er wird euch heimsuchen, bis ihm Genugtuung widerfährt!" Dann stürzte er hysterisch lachend aus dem Wirtshaus und verschwand in der Dunkelheit. Auch auf seinem Hof wurde er danach nicht mehr gesehen. Eine Woche später brannte der Voigt-Hof, der am Westrand des Dorfes lag, vollständig nieder, die gesamte Familie und alle Angestellten kamen bei dem Feuer ums Leben. Bei der Suche nach der Ursache fand man in der Nähe des Hofes auch den Leichnahm von Paul Voigt. Bei sich hatte er einen Zettel, auf den er nur ein Wort geschrieben hatte: "Brenne!" Die Bewohner brachten alle Toten vom Voigt-Hof in die Leichenhalle, nach dem Abschluß der Untersuchung sollte die Beerdigungen stattfinden. In der Nacht schlug Voigt plötzlich seine Augen auf und starrte an die Decke der Leichenhalle. Ein dunkler Schatten löste sich von ihm und schwebte eine Zeitlang über dem Leichnam, dann verschwand er, ohne von jemandem gesehen worden zu sein, durch die Wand und die Augen des Toten schlossen sich wieder.
In den Wochen nach der Beerdigung wütete der Feuerteufel in Freeville. Nacht für Nacht kämpften sich die Flammen langsam ostwärts und viele alteingesessenen Familien fanden im Feuer ihr Ende. Von den Augen der Bewohner unbemerkt stieg aus jedem Feuer ein dunkler Schatten, der einen Augenblick an Ort und Stelle schwebte und dann mit dem Westwind im Rauch ostwärts zog. Am 15. September brannte das Rathaus. Wieder stieg der Schatten aus den Flammen.
"Sieh mal. Was ist das?" fragte Richard seinen Nebenmann in der Eimerschlange, den Wirt und deutete auf den langsam ostwärts ziehenden Schatten über dem Rathaus. "Rauch, was sonst?" - "Nein, das ist kein Rauch. Wir haben heute Ostwind. Das Ding zieht gegen den Wind." Jetzt bemerkte es auch Tony und verfolgte den Schatten mit seinen Blicken. "Du hast recht, eigenartig. Ist das ein Feuer dort." Tony hatte etwas auf dem alten Steinbruch entdeckt. Beide scherten aus der Schlange und schauten angestrengt nach Osten. "Das ist ja ein Kreuz, ein brennendes Kreuz!" rief Richard erschrocken, "der Schatten zieht in diese Richtung! Das müssen wir uns aus der Nähe ansehen." Richard, Tony und ein paar Freiwillige zogen mit Fackeln, Sensen und Heugabeln bewaffnet dem brennenden Kreuz entgegen. "Verständige den Pfarrer. Er soll uns mit der Kutsche nachkommen!" beauftragte Tony seinen Sohn.
Das Kreuz schien immer größer zu werden.
Als sie am Steinbruch, gemeinsam mit dem Pfarrer ankamen, verschwand es
jedoch. Stattdessen fiel ein kaltes Licht aus einem Loch in der Erde am
Fuße des Steinbruchs. "Sieht wie ein frisch ausgehobenes Grab aus",
bemerkte Richard, während sich die Truppe langsam der Stelle näherte;
er war auch der erste, der einen Blick hineinwerfen konnte. "Oh mein Gott!"
Entsetzt wandte er sich ab. Im Grab lag ein stark mumifizierter menschlicher
Körper. "Ich habe im Gemeindebuch
nachgesehen", klärte der Pfarrer die Anwesenden auf. "Der Steinbruch
hieß früher einmal 'Debil's Hill'. Dies muß der Fremde
sein, den die Dorfbewohner vor 150 Jahren hier eingegraben haben. Die Beschaffenheit
des Bodens hat wohl eine Verwesung verhindert." Dann erzählte er die
ganze Geschichte, auch, daß der Steinbruch vor 80 Jahren nur ein
Jahr nach seiner Inbetriebnahme aufgrund zahlreicher mysteriöser
Unglücksfälle wieder stillgelegt wurde. Das ganze Geschehen um
den ehemaligen Debil's Hill sei wohl auf das vor 150 Jahren begangene Unrecht
zurückzuführen. "Laßt uns dieses Unrecht nun versuchen
wieder gutzumachen. Bestatten wir den Leichnam wenigstens jetzt auf unserem
Friedhof", beendete er seine Rede. Die Männer hoben den Leichnam aus
seinem Grab, luden ihn auf die Kutsche des Pfarrers und brachten ihn zum
Friedhof. Dort erhielt der Fremde am nächsten Tag die Beerdigung,
für die er vor 150 Jahren bezahlt hatte. Danach gab es keine ungeklärten
Brände mehr in Freeville. Allerdings wurde in den Folgejahren noch
oft von einem großen schwarzen Hund berichtet, der in der Nacht vor
einem Feuer im Ort um das Grab des Fremden schlich und stundenlang den
Mond anheulte.
| Georg Doll, Herbst 1995 |