Das Märchen von Wolfi, dem Rollifahrer
erzählt von Georg Doll

Vor gar nicht mal so langer Zeit, regierte in einem gar nicht so fernen Land die traurige Königin „Angela aus dem Osten“. Um nicht ganz allein regieren zu müssen, scharte sie eine Gruppe von Ministern um sich und erteilte ihnen folgende Aufgabe: „Macht allerlei Gesetze, die das Volk in Atem halten, damit diese nicht auf dumme Gedanken kommen!“ In ihrer Regierung gab es auch einen Minister, den Minister Wolfi, der im Rollstuhl saß und der als eben so schlau, wie gerissen und kaltherzig galt. Er war beim Volke ebenso verachtet geachtet, wie gefürchtet, denn seine Ideen und Gesetze waren ebenso hart und kalt wie sein Herz.

Menschen, die gefährliche Gedanken haben müssen überwacht werden“ - „Menschen, die denken, können auch gefährliche Gedanken haben und müssen überwacht werden“ - „Der Staat muss die Möglichkeit haben, alle möglichen Mittel zu nutzen, um herauszufinden, was die Menschen denken und planen.“ - „Menschen, die Geheimnisse haben sind gefährlich für die Sicherheit unseres Landes“ - „Menschen mit Vollbart haben sicher Geheimnisse, denn sie verbergen ja sogar ihr Gesicht.“ - „Wenn die Sicherheit des Staats gefährdet scheint, sind zunächst erst mal alle verdächtig und müssen eingesperrt werden, bis sie ihre Unschuld beweisen können.“ - „Menschen die gefährlich sein könnten, muss die Polizei auch gezielt erschießen können, ehe sie zur Gefahr werden.“ So sprudelte es aus ihm heraus - tagein, tagaus.

Gerade der letzte seiner Vorschläge, Menschen einfach so auf offener Straße zu erschießen, nur weil sie anders aussahen ging dann vielen doch zu weit und die Meldungen in der Presse häuften sich, der Wolfi sei doch mit seinen Forderungen die weitaus größte Gefahr für den Staat.

Also beschloss Wolfi eine Erklärung vor der Presse abzugeben:
Liebe Vertreter der Presse, liebe Bürgerinnen und Bürger unseres geliebten Vaterlandes!“, begann er seine Rede und seine Augen funkelten finster und entschlossen, „In der letzten Zeit wurden viele üble Behauptungen über mich in Presse, Funk und Fernsehen verbreitet, die mich als Feind unserer Verfassung und Gefahr unseres freien Rechtsstaates darstellten. Das Gegenteil ist die Wahrheit! Es gibt wohl keinen zweiten Menschen wie mich, der sich mehr um die Sicherheit unseres Landes und der in ihm lebenden Menschen sorgt und kümmert als ich. Seien Sie versichert, dass der Schutz der Freiheit und unsere Verfassung Ziel all meines Schaffens ist!“ Damit wandte er sich von der Öffentlichkeit ab, löste sich mit einem Plopp!! in eine Nebelwolke auf und verschwand in sein Amt.
Alle Presseleute und das ganze Volk standen aber mit offenem Mund da und staunten: „Oh, was haben wir dem armen Wolfi in seinem Rollstuhl doch großes Unrecht getan. Lasst uns in uns gehen und innehalten und nie mehr ein böses Wort über ihn verlieren!“

Wolfi aber, der inzwischen zurück in seinem Büro war, schloss hinter sich die Tür, begann zu lachen und Kreise und Achter mit seinem Rollstuhl zu drehen und andere Kunststücke mit ihm zu vollführen und schließlich begann er kreischend und übermütig zu singen:

HEUTE LÜG' ICH!
MORGEN LACH ICH!!
ÜBERMORGEN TRENN ICH
DEN VATER VON FRAU UND KIND!!!
ACH WIE GUT, DASS NIEMAND WEISS,
DASS ICH AUF DIE VERFASSUNG SCHEISS!

Und dazu tanzte er mit seinem Rollstuhl, dass es die reinste Freude war. Kein Minister der ganzen Regierung konnte so ausgelassen feiern, wie Wolfi, der Rollifahrer, wenn er allein war.

Schon am nächsten Tag hatte er neue Ideen, wie er die Freiheit schützen könne. „Ich könnte mir die Freiheit nehmen“, murmelte er so vor sich hin, „und Computerviren auf alle Computer des Landes schleusen. Diese können alles überwachen, was mein Volk so tut und mir berichten. Und wenn es nichts zu berichten gibt, dann legen sie den Computer vielleicht lahm, so dass der Besitzer nicht mehr mit ihm arbeiten kann. Heisa, das wird fein!“. Wolfi strahlte wie ein Kind, das grade sein absolutes Lieblingsgeschenk entdeckt hatte. Aber da erschienen auch schon wieder Mitmenschen, die bereits vergessen hatten, dass sie Wolfi ab sofort nur noch lieb haben wollten und meckerten: „Wolfi, das darfst du nicht tun!“ - „Aber wieso denn? Wo habt ihr denn das schon wieder her? Wie konntet ihr das herausfinden?“, fragte Wolfi enttäuscht. „Das steht so in der Verfassung, Wolfi. Tut uns echt leid.“, versuchten die Mitmenschen zu erklären und gaben ihm ein Papier auf dem der entsprechende Artikel der Verfassung stand. Doch Wolfi war nicht mehr zu beruhigen und die ganze Enttäuschung brach in einem Satz aus ihm heraus: „Das hat euch der Teufel gesagt!“, schrie er und nochmal: „Das hat euch der Teufel gesagt!“, und er riss das Papier entzwei, warf es wütend auf den Boden und rollte auf den Schnippseln mit seinem Rollstuhl hin und her, bis sie im Teppich wie in einem Loch im Boden verschwanden.

Doch Wolfi ließ sich nicht lange die Freude an seiner Arbeit nehmen, denn er schrieb ja bereits an einem neuen Gesetz, das er tags drauf der Königin, der Regierung und dem Parlament vorlegte. Darin hieß es: „Ab sofort, soll jeder Mensch, sei er Ehepartner oder Kind, zuerst unsere Landessprache erlernen, ehe er zum Partner oder Elternteil in unser Land ziehen darf. Wie er das in seinem Land schafft, ist sein Problem. Ausnahme: Einer der betroffenen Personen kommt von ganz bestimmten, befreundeten Ländern. Dann können sie auch weiterhin einfach so kommen.“ Und dann folgte eine Liste mit den Ländern für die diese Ausnahme galt.

Einige Nörgler im Parlament meinten zwar, hier würden die Menschen aus Ländern, die im Gesetz nicht aufgeführt seien benachteiligt und das sei durch die Verfassung des Landes verboten, die Königin und die Regierung applaudierten aber und gratulierten Wolfi zu diesem außergewöhnlich gut gelungenen Gesetz.
Und weil Wolfi sicher gehen wollte, dass sein Gesetz auch wirklich wirksam würde, erließ er noch eine Verordnung, in der er festlegte, dass sich alle an dieses Gesetz halten müssten, die innerhalb der letzten drei Monate die Einreise zu ihrem geliebten Partner oder ihren Eltern beantragt hätten. Natürlich konnte so niemand mehr das neue Gesetz erfüllen, aber vor allem konnte niemand mehr schnell genug dagegen klagen, denn keiner kann ja die Uhr zurück drehen.
Damit hatte Wolfi zwar ein weiteres Mal gegen die Verfassung verstoßen, „aber mit jedem Mal wird’s leichter.“, stellte er zufrieden grinsend fest und stimmte sein Lieblingslied an:

Zwei mal drei macht vier
widdewiddewitt und drei macht neune!
Ich regier die Welt
widdewidde wie es mir gefällt!

Hey Wolfi Häuble
Rollari rollahey rolla hoppsasa
Hey Wolfi Häuble
der macht, was ihm gefällt.

Ich hab die Macht
die unbeschränkte Macht
ein Land das mir gehört
und keiner hier, der drüber lacht!
Ich hab die Macht
die unbeschränkte Macht
und jeder, den das stört
der kriegt mein ein-mal-eins gelehrt.

Ja, so klang es wohl die ganze Nacht aus der Amtsstube von Wolfi, dem Rollifahrer. Und bald folgten weitere Gesetze, mit denen Wolfi die Sicherheit des Landes „schützte“. Viele Computer stürzten daraufhin auf unerklärliche Weise ab und bald darauf verschwanden deren Besitzer völlig überraschend auf Nimmerwiedersehen. Und bald traute sich auch niemand mehr, ein böses Wort gegen Wolfi, den Rollifahrer auszusprechen oder auch nur zu denken. Und wenn das Volk nicht inzwischen aufgewacht ist, dann sitzt Wolfi auch heute noch in seinem Amt und singt sein Lied.

* * *

Wie jedes Märchen, ist diese Geschichte natürlich frei erfunden, was man schon allein daran erkennt, dass der Minister singt, denn wie sagt ein altes Sprichwort: „Böse Menschen haben keine Lieder.“
Märchen sind Volkseigentum - die Verbreitung, der Vortrag oder die Aufführung des Märchens ist ausdrücklich gestattet, geschieht aber auf eigenes Risiko. Für evtl. Namensähnlichkeiten haftet jeder selber. Die Urheberrechte an der Melodie und einiger Textstellen des verwendeten Liedes „Hey, Pippi Langstrumpf“ sind zu beachten!

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